Oft ein Thema in Führungscoachings: Wie gelingt es Führungskräften Mitarbeitende „fair“ zu behandeln?
Selbst den wohlmeinendsten Führungskräften wird es kaum gelingen allen Mitarbeitenden das gleiche Maß an Sympathie entgegen zu bringen. Sympathie lässt sich nicht verordnen. Was jedoch im Wertekanon einer Führungskraft enthalten sein sollte ist, dass unabhängig vom Sympathielevel es keine Bevorzugung oder Benachteiligung gibt.
Leicht gesagt, nicht immer leicht gemacht und allzu leicht kann es zu Überstrahlungen führen. Das führt dazu, dass sympathischen Mitarbeitenden Fehler eher verziehen werden als nicht so sympathischen. Suboptimale Ergebnisse sympathischer Mitarbeitender werden häufiger mit motivierenden Gedanken begleitet. Beispiele: „Jeder mach mal einen Fehler … komm versuch es noch mal, das schaffst Du schon…“. Suboptimale Ergebnisse der nicht so sympathischen Mitarbeitenden produzieren eher Gedanken wie: „Na, ja war ja eh nicht zu erwarten…“.
Diese Gedankenwelt war Grundlage der Rosenthal-Experimente (auch Rosenthal-Jacobson-Experiment) auch „Pygmalion-Theorie“ genannt.
Die Rosenthal-Experimente wurden Mitte der 1960er Jahre in den USA, hauptsächlich von den Psychologen Robert Rosenthal und seiner Kollegin Lenore Jacobson, an Grundschulen durchgeführt, um den Pygmalion-Effekt (Erwartungshaltung beeinflusst Leistung) zu beweisen; sie zeigten, dass Lehrkräfte, denen zufällig „besonders begabte“ Schüler zugeteilt wurden, tatsächlich bessere Leistungen bei diesen Schülern hervorriefen, obwohl die Zuteilung willkürlich war.
Ablauf der Studie: Lehrern wurde fälschlicherweise mitgeteilt, dass bestimmte Schüler (die tatsächlich zufällig ausgewählt worden waren) aufgrund eines neuen Tests ein erhöhtes Lernpotential aufweisen würden.
Ergebnis: Nach acht Monaten zeigten genau diese Kinder tatsächlich eine signifikant bessere Leistung als ihre Mitschüler, allein weil die Lehrer sie unbewusst durch ihre positive Erwartungshaltung anders gefördert hatten. Sie behandelten diese Kinder anders (Aufmerksamkeit, Feedback, Aufgabenwahl, Fördermaßnahmen).
1968 wurden die Ergebnisse der Studie erstmals veröffentlicht in dem heute noch erhältlichen Buch „Pygmalion in the Classroom“.
Die Pygamlion-Theorie wirkt auch im Führungsalltag. Daher sollten sich Führungskräfte bewusst machen, dass ihr Verhalten, ihre Aufmerksamkeit und ihre Erwartungen einen direkten Einfluss auf Motivation und Leistung der Mitarbeitenden haben. Sie sollten hohe, aber realistische Erwartungen formulieren und Vertrauen in die Fähigkeiten ihrer Mitarbeitenden zeigen, um den positiven Pygmalion-Effekt zu nutzen. Eine reflektierte Führung vermeidet dabei vorschnelle Urteile und negative Zuschreibungen.
Wer seinen Mitarbeitenden etwas zutraut, überträgt Verantwortung, setzt anspruchsvolle Ziele und bietet gleichzeitig Unterstützung an. Diese Haltung stärkt das Selbstvertrauen der Mitarbeitenden und motiviert sie, ihr Potenzial auszuschöpfen.
Umgekehrt können geringe oder negative Erwartungen dazu führen, dass Mitarbeitende weniger gefördert werden und ihr Potenzial nicht entfalten.
Führungskräfte sollten ihre Vorannahmen regelmäßig reflektieren. Eine Übung die hierbei hilft beschreibe ich als „Die Brille reinigen“. Hier ist die Aufforderung an die Führungskraft für einen definierten Zeitraum (eine Woche) ganz bewusst darauf zu achten, was Mitarbeitende die bei ihnen nicht „Top of the Hitparade“ sind gut machen.
Hierbei geht es nicht darum Lob zu verteilen, sondern um ein bewusstes Wahrnehmen guter Leistung (die bei nicht so sympathischen Mitarbeitenden schon mal untergehen kann).
Parallel dazu ist die Aufforderung für einen definierten Zeitraum (eine Woche) ganz bewusst darauf zu achten, was die Lieblingsmitarbeiter nicht ganz so gut machen.
Hierbei geht es nicht darum Kritik zu üben, sondern auch hier geht es um die bewusste Wahrnehmung der Leistung (da den Lieblingsmitarbeitern gerne etwas verziehen wird).
Die so sauber gewischte Brille fördert den fairen Umgang mit allen Mitarbeitenden und verhindert Bevorzugung oder Benachteiligung – und manchmal entstehen so überraschende Einsichten.
Kontaktieren Sie mich gerne, wenn Sie sich zu Ihrer Führungssituation und zu Ihrem Umgang mit Ihren Mitarbeitenden austauschen möchten. Ich berate und unterstütze sie gerne und freue mich auf Ihre Nachricht.
Ihre, Ingrid Gartner-Steffen
* Der Begriff „Pygmalion“ stammt aus der griechischen Mythologie: Der Bildhauer Pygmalion verliebte sich in eine von ihm aus Elfenbein geschaffene Statue, die zum Leben erweckt wurde. Eine Form der selbsterfüllenden Prophezeiung.

