Geht die Leistung in Ihrem Team kurz nach oben, wenn Sie ein neues Tool einführen, Abläufe verändern oder ein Projekt enger begleiten? Oft liegt das gar nicht an der neuen Methode. Die Arbeitspsychologie kennt dafür seit fast 100 Jahren einen einfachen Grund: den Hawthorne-Effekt. Für Führungskräfte ist dieser Effekt hilfreich, da er zeigt, wie eng Leistung und Aufmerksamkeit zusammenhängen – und wo die Grenze zum Mikromanagement verläuft.
Woher kommt der Begriff?
Zwischen 1924 und 1932 untersuchten Forscher die Fabrik Hawthorne Works der Western Electric Company bei Chicago. Sie wollten wissen, ob besseres Licht die Arbeiterinnen produktiver macht.
Die Forscher trafen auf ein unerwartetes Phänomen: Die Leistung stieg fast immer – egal, ob das Licht heller oder dunkler gedreht wurde. Sogar als die Bedingungen wieder verschlechtert wurden, blieb die Produktivität hoch.
Es lag also nicht an der Technik, sondern schlicht an der Beachtung. Die Arbeiterinnen merkten, dass sie im Fokus standen und man sich für sie interessierte. Allein dieses Gefühl der Wertschätzung spornte sie an.
Kurz gesagt: Menschen verändern ihr Verhalten, sobald sie wissen, dass sie beobachtet oder besonders beachtet werden.
Wie sich der Effekt heute im Arbeitsalltag zeigt
Ob am Schreibtisch, in der Werkstatt oder an der Maschine: Unsere Psyche funktioniert überall gleich. Hier begegnet Ihnen der Effekt im Alltag:
- Scheinaktivität und Präsentismus: Ob der schnelle Griff zum Werkzeug, sobald der Meister die Werkstatt betritt, oder die permanente Erreichbarkeit in Chat-Programmen im Homeoffice – Mitarbeiter verändern ihr Verhalten, um „gesehen“ zu werden. Das bringt selten bessere Ergebnisse, erzeugt aber Druck.
- Das Strohfeuer bei neuen Projekten: Neue Prozesse, Maschinen oder Software-Tools starten oft stark. Das liegt meistens daran, dass das Management dem Team in dieser Phase mehr Aufmerksamkeit schenkt und häufiger nachfragt. Sobald die Routine einkehrt, sackt die Leistung oft wieder ab.
- Mitarbeitergespräche und Feedback: Schon die Ankündigung von Feedback-Runden oder gemeinsamen Hallen-Rundgängen hebt kurzfristig die Motivation. Das Team merkt, dass die eigene Arbeit oben wahrgenommen wird.
Die Kehrseite: Wann es nach hinten losgeht
Aufmerksamkeit erhöht die Schlagzahl, taugt aber nicht als Dauerdruckmittel:
- Der Effekt verpufft: Wenn Sie Ihren Fokus wieder abziehen und sich anderen Dingen widmen, flacht die Leistungskurve meistens wieder ab.
- Kontrolle blockiert: Wenn Mitarbeiter das Gefühl bekommen, überwacht statt unterstützt zu werden, schlägt die Motivation in Frust um. Die Leute machen Dienst nach Vorschrift, machen Fehler aus Nervosität oder kündigen im schlimmsten Fall.
Drei Fragen für den Führungsalltag:
Leistung entsteht, wenn Mitarbeiter sich sicher und geschätzt fühlen. Nutzen Sie diese Erkenntnis für echte Unterstützung statt für Kontrolle und hinterfragen Sie Ihre eigene Routine mit diesen drei Punkten:
- Suchen Sie das direkte Gespräch mit den Leuten vor Ort (im Betrieb oder virtuell), um Hürden im Alltag zu verstehen, anstatt nur Dashboards, Listen und KPIs zu überwachen?
- Anerkennen Sie den Einsatz schon während der Arbeitsphase, um den Weg zum Ziel zu loben, oder erst beim fertig übergebenen Auftrag?
- Setzen Sie auf feste Routinen wie regelmäßige Kurz-Meetings oder feste Runden durch die Abteilung, anstatt nur bei Krisen oder Fehlern plötzlich intensiv hinzusehen?
Der Hawthorne-Effekt zeigt, dass menschliche Zuwendung und aufrichtige Wertschätzung die stärksten Treiber für langfristige Motivation sind. Aufmerksamkeit als Unterstützung statt als Kontrolle stärkt das Vertrauen und sichert nachhaltige Ergebnisse im Team.
Kontaktieren Sie mich gerne, wenn Sie besprechen möchten, was in Ihrem Team hilfreich wäre, um die Motivation zu fördern.
Ihre,
Ingrid Gartner-Steffen

